Die Bedeutung von Arier (Sanskrit आर्य, persisch آریا, ārya- „edel“, die erweiterte Form aryāna-, ari- und/oder arya, vom Proto-Indogermanischen *ar-yo-, etwa „wohlgefügt“) ist vielfältig. Der Begriff wird im völkerkundlichen, im sprachwissenschaftlichen und im „rassenkundlichen“ Zusammenhang verwendet.
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"Arier" (ling.: Indo-Iraner) nannten sich Gruppen prähistorischer Nomaden, die sich seit dem 3. Jtd. v. Chr. von ihrer Urheimat in den Steppen westlich des Urals in die zentralasiatische Steppe, nördlich des Kaspischen Meeres und des Aralsees, ausbreiteten und sich dabei in einen indischen (Indo-Arier) und einen iranischen (Irano-Arier) Zweig spalteten[1]. Die Existenz eines zentralasiatischen nomadisierenden Hirtenvolkes, die sich Arier (Aryas) nannten, kann ausweislich heiliger Texte wie der Avesta und der Veden als gesichert gelten.[2] Im 2. Jahrtausend v. Chr. wanderte der indische Zweig der Arier (आर्य), deren Sprache Vedisch war, über den Hindukusch nach Nordwestindien ein, wo sie auf die Harappa-Kultur trafen[3]. Für die iranischen Arier (آریا), die zu den Vorfahren der heutigen Perser, Paschtunen, Kurden und Belutschen wurden, wird die Einwanderung auf das 11. bis 10. Jh. v. Chr. datiert.[4] Die Migration der Arier in das Gebiet des heutigen Iran und Indiens ist in der Völkerkunde anhand der altpersischen heiligen Schriften des Avesta und der altindischen heiligen Schrift der Veden nachgewiesen.[5][3] Deswegen nennt man in der Sprachwissenschaft die heutigen indoarischen und iranischen Sprachen „arisch“.
Indo-arisch sprechende Ethnien erscheinen während der späteren Kupfersteinzeit bis zur frühen Bronzezeit. Ihre Kultur und Religion bleiben größtenteils im Dunkeln.
Basierend auf der Rekonstruktion des Proto-Indoarischen und archäologischen Funden können einige Merkmale ihrer Kultur teilweise festgestellt werden. Die Arier lebten noch als Nomaden. Sie waren kriegerisch, patriarchalisch und hierarchisch geprägt. Seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. zeichnet sich die Kultur der Arier durch die Domestizierung des Pferdes (ek'wos) und der Kuh (gwous), der Erfindung des Streitwagens mit Speichenrädern und der Nutzung von Bronze und Kupfer aus.[3] Aller Wahrscheinlichkeit nach hielten sie noch Schafe, Hunde, Ziegen und Schweine. Die militärtechnische Überlegenheit der Indo-Arier gegenüber der Harappa-Kultur dürfe darauf zurückzuführen sein, dass die Arier im Gegensatz zu dieser Pferd und Streitwagen kannten. Töpferei und Weberei waren ebenfalls bekannt. Der Ackerbau wird erst in späterer Zeit durch die Eroberung von Völkern übernommen.[6] Etabliert dürfte auch das Sklavenwesen gewesen sein.
Diese Völker hingen animistischen oder polytheistischen Religionen an. Sie verehrten mindestens einen Gott, vermutlich *diwos ph2tēr (lit. „Himmelvater“), daneben existierten aber wahrscheinlich weitere Gottheiten. Religiös bedeutsam war ihr patrilineares Verwandtschaftsystem, das sich von der Vaterlinie ableitete. Modell war die vaterrechtlich organisierte Großfamilie.
Die Einzelheiten der Migrationen, insbesondere deren Abfolge, sind weiterhin stark umstritten:[1]
Hauptartikel: Indogermanische Ursprache
Im 18. Jh. verglich Sir William Jones die Göttervorstellungen der Ägypter, Inder, alten Griechen und Römer miteinander. Er fand bemerkenswerte Ähnlichkeit in der Mythologie und des Kultes dieser Völker. Er erkannte als erster die sprachgenetische Verwandtschaft der klassischen Sprache der Brahmanen, dem Sanskrit, mit dem Griechischen, Lateinischen, Gotischen, Germanischen, Slawischen und Keltischen. William Jones verwandte den Begriff „Arisch“ für sämtliche Sprachen der Indogermania. Jones vertrat noch nicht die Annahme eines gemeinsamen Ursprungs und lehnte die vergleichende Sprachforschung als Mittel nach der Suche des „Urvolkes“ ab.
Friedrich Schlegel verglich in seinem Buch „Über die Sprache und Weisheit der Inder“ Sanskrit mit anderen europäischen Sprachen und wies viele Gemeinsamkeiten in Vokabular und Grammatik nach. Die Behauptung der Gemeinsamkeiten dieser Sprachen ist nach einigen Bearbeitungen und Umformulierungen heute allgemein anerkannt. Die Sprachen werden als Indogermanische Sprachen bezeichnet.
Die Ähnlichkeiten vieler europäischer Sprachen mit indischen und iranischen Sprachen führten Ende des 18. Jh. in der Ethnolinguistik zu der Annahme, dass es ein hypothetisches Trägervolk der ur-indogermanischen Sprache gebe, welches das Ur-Indogermanische einerseits nach Alteuropa und anderseits nach Persien bis Indien über die Arier und Hethiter gebracht habe. Dort haben die Ur-Indogermanen ältere Sprachschichten verdrängt, die als Substrat in die indogermanischen Sprachen eingeflossen sind.
Mit dem hypothetischen Trägervolk des Ur-Indogermanischen wurden bisher mehrere prähistorische Volksgruppen in Verbindung gebracht. Herrschende Meinung ist heute, dass die Kurgankultur dieses Trägervolk gewesen sei. Eine Mindermeinung betrachtet die Schnurkeramiker als das indogermanische Urvolk. Man geht heute nicht mehr davon aus, dass die prähistorischen Arier das Trägervolk des Ur-Indogermanischen gewesen seien, die Arier stellten aber das Trägervolk des Proto-Indoiranischen dar. Deshalb ist die Bezeichnung „Arier“ für alle Sprecher indogermanischer Sprachen nicht ganz korrekt.
Die Archäologie blieb einen endgültigen Beweis für das Indogermanische Urvolk bisher schuldig, da weder die Arier, die Kurgan-Kultur oder die Schnurkeramiker Schrifttum hinterließen. Nicht geklärt ist auch, ob die Weitergabe der indogermanischen Sprache nach Alteuropa einerseits und an die Arier und Hethiter anderseits über einen kulturellen Austauschprozess oder durch Eroberung der Altschichtvölker und durch Vermischung mit diesen erfolgte.
Die Kurgan-Hypothese wird und wurde von nationalistischen und rassistischen Strömungen angegriffen, die „ihre“ Nation als die wahre Urheimat propagieren.
Ein Beispiel für eine nationalistisch geprägte Theorie ist die Indigenous Aryan Theory. Die hindu-nationalistische Indigenous Aryan Theory im Umfeld der Bharatiya Janata Party betrachtet die Arier als autochthone Bevölkerung des indischen Subkontinents, von wo aus die Arier eine Wanderung nach Europa begannen. Die Harappa-Zivilisation basiere nicht auf dravidischen Wurzeln, sondern sei vedischen Ursprungs.
Die Theorie, dass die Arier ihren Ursprung in den Steppen Russlands gehabt hätten, wurde von rassistischen Kreisen im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend abgelehnt. Es wurde pseudowissenschaftlich argumentiert (z. B. Hans F. K. Günther), die Arier seien ursprünglich in Deutschland oder Skandinavien heimisch gewesen, oder zumindest seien dort die ursprünglichen Eigenschaften insbesondere rassischer Art besonders klar erhalten. Daneben wurden die Arier den Goten, Vandalen oder anderen Stämmen der Völkerwanderung nahegestellt. 1905 veröffentlichte Hermann Hirt in seinem Buch Die Indogermanen, dass die Ebene Norddeutschlands die Urheimat der Arier sei (S. 197) und brachte den blondhaarigen Menschen mit der Kernbevölkerung der frühen reinen Indogermanen in Verbindung (S. 192). Die Übereinstimmung der Arier mit der norddeutschen Streitaxtkultur wurde von Gustaf Kossinna im Jahre 1902 eingeführt. Weitere Beispiele dieser Art der Verklärung findet man auch im Iran. So sollen sich die Arier in dessen Hochebenen gebildet und von dort ausgebreitet haben.
Im 19. Jahrhundert lösten neue Weltanschauungen den Begriff des Ariers von der Sprachwissenschaft und von völkerkundlichen Vorstellungen und erweiterten ihn auf eine biologische Abstammungsgemeinschaft. Man behauptete, dass Personen, welche heute in Europa, Iran und Indien leben, genetisch Abkömmlinge des durch die Sprachwissenschaft erschlossenen vorgeschichtlichen Volks, der Arier, seien. Die Arier, welche in Indien die dravidische Harappa-Kultur eroberten, bewegten sich nicht nur in einem Prozess des kulturellen Austauschs, sondern vermischten sich wohl auch mit der eingeborenen Bevölkerung genetisch.
Auf Europa bezogen kann eine Abstammung nicht geklärt werden, weil die Eroberung der Megalithkulturen durch die Arier nicht nachgewiesen ist. Im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts verbreiteten sich Weltanschauungen, die postulierten, dass alle hellhäutigen Europäer, die „Kaukasier“, von den Ariern abstammen sollen. Solche „rassenkundlichen“ Anschauungen dienten dazu, „die Arier“ zu einer körperlich und geistig überlegenen und auf Reinheit bedachten „Herrenrasse“ zu mystifizieren, die in der Geschichte als Kriegeradel und Kulturbringer gewirkt habe. Vere Gordon Childe behauptete z. B. 1926 in seinem Werk Die Arier: Eine Studie der Ursprünge der Indogermanen, dass die Überlegenheit der nordischen Rasse im Körperbau sie erst mit der Fähigkeit ausstatte, Träger einer höheren Sprache zu sein.
Siehe auch: Antisemitismus bis 1945
Durch dieses biologische Verständnis wurde die Gemeinschaft der Arier ausschließend. Man konnte sich nicht mehr durch die Aneignung von Sprache und Kultur integrieren. So wurden europäische Juden trotz ihrer hellen Hautfarbe und der ihrer jeweiligen Nationalität entsprechenden Muttersprache aus dieser Definition ausgeschlossen. Die Juden seien als Nachkommen des biblischen Volks der Israeliten Semiten. Das „Blut“ der Semiten habe sich über die Generationen auf die Juden des 19. Jahrhunderts weitervererbt. Daher spielt es nach dieser rassischen Ansicht keine Rolle, ob Juden zum Christentum übertreten, die Nationalsprache sprechen usw., weil sie nach wie vor „semitische Gene“ in sich trügen.
Zuerst tauchte die Idee einer „arischen Rasse“ bei Arthur de Gobineau in Frankreich auf. Anschließend trat sie in England bei Houston Stewart Chamberlain in Erscheinung. In Indien suchte die britische Kolonialregierung die Zusammenarbeit mit der Elite. Die hohen Kasten galten dabei als Nachkommen der Arier, die die dunkelhäutigen Dravidier nach Süden verdrängt hätten. Dies führte zu gesellschaftlichen Spannungen zwischen Nord- und Südindern.
Ebenfalls aus Frankreich – veröffentlicht in einem Beitrag der Pariser Medizinischen Gesellschaft im Jahre 1917 – wurden der deutschen Rasse bestimmte Krankheitsmerkmale zugeschrieben. So litten Deutsche angeblich an "Polychesia" und an "Bromhidrosis". Deutsche Spione glaubte man durch Urintest enttarnen zu können, da der arische Urin 20 Prozent gegenüber normalen 15 Prozent Stickstoff enthalte.[13]
Im Nationalsozialismus ging man mehrheitlich davon aus, dass die Urheimat der Arier in Norddeutschland oder Skandinavien gelegen habe. Der Begriff des Ariers erfuhr durch die Nationalsozialisten noch weitere Veränderungen. Die "Arier" wurden in eine rein indogermanische "Herrenrasse" umgedeutet, deren Mission es sei, alle angeblich nichtarischen Völker zu unterwerfen oder gar auszulöschen. Menschen mit blauen Augen und blonden Haaren wurden als bester Typ der „arischen Rasse“ betrachtet. Die romanischen Völker, deren Sprachen auch indogermanisch sind, seien hingegen durch die Völkerwanderung teilweise germanisiert worden. Die Juden waren dieser Weltanschauung gemäß als Semiten die eigentliche Gegenrasse. Obwohl Arabisch eine semitische Sprache ist, wurden die Araber durch ausdrücklichen Beschluss von der „Rasse“ der Semiten ausgenommen [14].
Umgekehrt wollte man die Finno-Ugrier als nordisches Volk in die Herrenrasse mit einbeziehen. Völker wie Ungarn, Esten und Finnen, deren finno-ugrische Sprachen nicht Teil der indogermanischen Sprachfamilie sind, könnten „nach strengen wissenschaftlichen Maßstäben“ nicht als „arisch“ bezeichnet werden. „Arisch“ wurde deshalb als amtlicher Rechtsbegriff ab dem Jahre 1935 nicht mehr verwandt. Anstelle des in dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums verwendeten Begriffs des Ariers (§3 Abs.1 Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums) kam die ausweislich des Gesetzestextes und seiner Begründung in den Nürnberger Gesetzen gebrauchte Formulierung „Person deutschen oder artverwandten Blutes“ (§2 Abs.1 Reichsbürgergesetz, §§1ff. Blutschutzgesetz).
An die Stelle „deutsches oder artverwandtes Blut“ sollte nach einem Runderlass vom 26. November 1935 der Begriff „deutschblütig“ treten.
Die Nationalsozialisten rechtfertigten mit dieser zentralen Ideologie die Diskriminierung, Vertreibung und Ermordung der Juden sowie die Deklassierung der Slawen zu „Untermenschen“. Die Menschen im Dritten Reich und den von den Nationalsozialisten beherrschten Gebieten mussten zum Beweis ihrer „rassischen Reinheit“ sogenannte Ariernachweise erbringen. Mit der Idee der Reinhaltung der arischen Rasse wurden weiter der Mord oder die Sterilisation geistig behinderter oder unerwünschter Menschen betrieben.
Die Theosophie, eine von Helena Blavatsky und Henry Steel Olcott auf buddhistischen, gnostischen, hinduistischen und anderen Vorstellungen gegründete mythologisch-religiöse Weltanschauung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, nahm ebenfalls Ideen über die Arier auf. Die Russin Blavatsky (eigentlich Blavatskaja, geb. v. Hahn) bezeichnete mit den Ariern die „fünfte Wurzelrasse“, die ihrerseits wiederum in vier „Unterrassen“ aufgeteilt ist (nordisch, fälisch, mittelländisch und ostisch). Die Angehörigen der „nordischen Rasse“ wurden hierbei von Rassentheoretikern wie Ludwig Ferdinand Clauß als „Leistungsmenschen“ bezeichnet. Laut Blavatsky kamen die Arier weit aus dem Norden, aus Hyperborea. Auch glaubten viele Theosophen und später auch Ariosophen, der Ursprung der Arier sei Platons Atlantis gewesen, die Arier somit die Atlanter. Diese "Rassenlehren" hatte Fortsetzungen bis ins 20. Jahrhundert hinein z. B. in der Anthroposophie des Rudolf Steiner.[15] Die in der Theosophie entwickelte Vorstellung der Arier wurde durch die Ariosophie und die Guido-von-List-Gesellschaft verfälscht und fand ihren Weg nach Deutschland, wo durch Vermischung mit nationalistischen Elementen dem Nationalsozialismus eine seiner Grundlagen bereitet wurde.
Literatur zum Thema „Arier“ im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek