Realpolitik orientiert sich eng an den als real anerkannten Bedingungen und Möglichkeiten. Sie ist auf das rasche Treffen von Entscheidungen gerichtet und zielt auf eine breite Akzeptanz in der öffentlichen Meinung. Abzugrenzen ist sie von eher werteorientierten Ansätzen, die sich auch auf die politische Ideengeschichte beziehen. Ein wichtiges Wesensmerkmal der Realpolitik ist von daher die Grundannahme, Werte und darauf basierende Mittel seien letztendlich immer verhandelbar und dispositiv, wenn ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll. Seit dem 20. Jahrhundert korrespondiert realpolitisches Handeln mit dem Begriff der Verantwortungsethik, wie er von Max Weber in seinem Vortrag Politik als Beruf geprägt wurde.
Das Wort fand als Lehnwort Eingang in den angelsächsischen Wortschatz und wird vor allem in US-Medien (und in der dortigen politischen Wissenschaft) vermutlich häufiger benutzt als im deutschen Sprachraum selbst.
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Als bedeutendster Verfechter einer Realpolitik, die sich nicht an religiösen oder ethischen Erwägungen orientiert, gilt Niccolò Machiavelli, wenn auch schon in der Antike der griechische Historiker Thukydides in seinem Geschichtswerk den Peloponnesischen Krieg unter eben diesem Aspekt betrachtete.
In Deutschland wurde der Begriff der Realpolitik durch Ludwig August von Rochau nach der gescheiterten Revolution von 1848 in die politische Diskussion eingeführt. Er publizierte 1853 seine Streitschrift Grundsätze der Realpolitik, eine Neuauflage und ein zweiter Band folgten 1859 und 1868. Realpolitik wurde über mehrere Jahrzehnte zum Schlagwort für die Neuorientierung der liberalen Politik im Sinne des Nationalliberalismus.
Otto von Bismarck setzte den Begriff im Deutschen Krieg von 1866 in praktische Politik um. Damals ging Preußen mit Italien ein Militärbündnis ein und besiegte Österreich und die mit ihm verbündeten deutschen Staaten. Otto von Bismarck setzte daraufhin bei König Wilhelm I. durch, von Österreich weder Gebietsabtretungen noch Entschädigungen zu verlangen und erhielt sich damit die Option, 1870/1871 zusammen mit Österreich gegen Frankreich Krieg zu führen. Gegenüber König Wilhelm I. sagte er: „Wir haben nicht eines Richteramtes zu walten, sondern deutsche Politik zu treiben.”
Der Begriff steht in engem Zusammenhang mit geopolitisch und nationalstaatlich ausgerichteten Politikformen, wie sie für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts typisch sind (Koalitionenpolitik des Deutschen Reiches).
In der Literatur wird unter anderem auf die aus demokratietheoretischer Perspektive problematische Bindung der Realpolitik an demokratische Mitentscheidung hingewiesen. Zwar zielt Realpolitik auf öffentliche Zustimmung. Minderheitenschutz, die Ausgewogenheit realpolitischer Entscheidungen oder eine langfristig orientierte Politik leiten sich jedoch nicht zwangsläufig aus der schnell wechselnden öffentlichen Zustimmung ab.
Real war ein Modewort der Zeit nach 1850, das auch in Begriffen wie Realschule und bürgerlicher Realismus erhalten ist.
Ludwig August von Rochau: Grundsätze der Realpolitik. Herausgegeben und eingeleitet von Hans-Ulrich Wehler. Frankfurt, Berlin, Wien: Ullstein 1972. ISBN 3-548-02915-9
Max Weber: Politik als Beruf (Vortragsmitschrift mit Nachwort von Ralf Dahrendorf), Reclam 1992. ISBN 3-15-008833-X
Siehe auch: Realo, Melierdialog